ABOUT

ZUR PERSON

In der Arbeit von José Federspiel berühren sich zwei gegensätzliche Welten. Die physische Wucht der urbanen Straßenkultur trifft auf eine stille, fast obsessive Hingabe an die mikroskopischen Details der Natur. Der 1977 in Chur geborene Artivist entzieht sich seit über drei Jahrzehnten jeglicher Kategorisierung. Unter dem Pseudonym DaMos agiert er als Zeichner, digitaler Maler, Musikproduzent und Rapper. Sein gesamtes Werk entsteht aus der intensiven Reibung dieser unterschiedlichen Disziplinen.

Seine Wurzeln liegen im Graffiti der frühen 1990er-Jahre. Bereits 1996 bespielte er die Galeria Fravi mit einer Einzelausstellung und gewann den Graffiti-Wettbewerb der vom Jugendsekretariat der Stadt St. Gallen organisiert wurde. 1998 folgte eine Ausstellung im Rahmen der „Urban Skillz“ in der Roten Fabrik Zürich. Diese rohe, ungezähmte Energie kanalisierte er während seines Studiums der Bildenden Kunst an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Luzern (HGK/FH), das er mit Auszeichnung abschloss. Dass Federspiel ein feines Gespür für das Zusammenspiel von Bild und Rhythmus besitzt, wurde bald international sichtbar. Sein experimenteller Diplom-Kurzfilm Würfelwelt aus dem Jahr 2002 war unter anderem im Bündner Kunstmuseum zu sehen, wurde 2003 für den renommierten Internationalen Medienkunstpreis des ZKM Karlsruhe nominiert und prämiert. Ausstrahlungen auf Arte, SRF und 3sat bestätigten, wie mühelos seine hybride Bild- und Klangsprache das Publikum über Genregrenzen hinweg erreicht.

Obwohl er sich um 2003 aus der aktiven Graffiti-Szene zurückzog, bleibt die impulsive Körperlichkeit seiner Anfangsjahre spürbar. In seinem digitalen Neo-Expressionismus verdichten sich rasante Skizzen, fragmentierte Graffiti-Typografie und schemenhafte Porträts zu einem dichten Geflecht. Diese Kunst ist rastlos und stark vom Rhythmus des Hip-Hop geprägt. Als Pionier des Bündner Rap, Mitbegründer der Oschtblock Kuabuaba und Produzent hat er diese Musikkultur über Jahrzehnte massgeblich mitgestaltet. Seine Leidenschaft für die Bühne führte ihn auch 2023 wieder für Live-Sets an das Big Air Chur sowie an das Churerfest. Für sein weitreichendes, spartenübergreifendes Schaffen würdigte ihn der Kanton Graubünden 2011 mit einem offiziellen Förderpreis für seine multimediale Arbeit.

Einen radikalen, tief sinnlichen Kontrast zu dieser städtischen Lautstärke bildet seine aktuelle, auf zehn Teile angelegte Serie „Animals Around Me“. Hier zeigt sich Federspiels außergewöhnlicher Umgang mit Zeit. Fernab von schnelllebigen digitalen Trends oder automatisierten KI-Bildwelten widmet er sich der lokalen Tierwelt in kompromissloser Handarbeit. Vom Rotfuchs bis zur Gemeinen Wespe entsteht jedes Motiv Strich für Strich. Zwischen 155 und 435 Stunden verbringt er mit einem einzigen Bild. Er zoomt tief in die digitale Leinwand hinein, studiert die Beschaffenheit jedes einzelnen Haares und den feinen Glanz eines Auges, bis das Tier eine fast greifbare Präsenz entwickelt. Diese hyperrealistischen Arbeiten sind weit mehr als reine Abbilder. Sie sind intime, stark entschleunigte Annäherungen an das Lebendige, die den Betrachter unweigerlich zum Innehalten zwingen.

Heute führt José Federspiel seine kreative Praxis aus seinem Atelier in Pfäfers im Taminatal, wo er auch seine Label Mosillus Media betreut. Dort lebt er mit seiner Frau und seinen zwei Kindern. Eingebettet in die massive Bergwelt der Ostschweiz wächst ein Werk von seltener Tiefe heran. Es trägt den harten Puls der Stadt in sich, besitzt aber gleichzeitig die meisterhafte Geduld, der Natur beim Atmen zuzusehen.


AAM – Animals Around Me (Serie I–II)

Mit der Serie Animals Around Me widmet José Federspiel die volle Aufmerksamkeit den Tieren seiner unmittelbaren Umgebung. In einer Ära, in der digitale Kunst oft mit flüchtigen Klicks verwechselt wird, beweist er echten kunsthistorischen Pioniergeist: Als Vorreiter der digitalen Malerei zeigt er, wie dieses moderne Medium mit maximaler handwerklicher und konzeptioneller Tiefe gefüllt werden kann.

Hinter der gesamten Arbeit steht eine einzige, kompromisslose Regel, die das Fundament des Projekts bildet: Das dargestellte Tier muss in seiner Heimat, in der unmittelbaren Umgebung, real gesichtet oder zumindest gehört worden sein. Diese persönliche Verbindung macht die Serie zu einer intimen Chronik des eigenen Lebensraums und hebt sie von einer rein theoretischen Auseinandersetzung ab.

Seine hyperrealistischen Werke sind das genaue Gegenteil von einem bloßen Abmalen einer Fotografie. Jedes Bild basiert auf einem komplexen, fast schon forschenden Prozess, bei dem unzählige Vorlagenfotos zu einer völlig neuen, präzisen Bildkomposition fusionieren. Für die mikroskopischen Details zieht Federspiel zudem reale Präparate heran. Dieses Schaffen verfolgt einen klaren wissenschaftlichen Ansatz, der sich systematisch in zwei aufeinander aufbauende Zyklen gliedert. In der Serie I – Insekten fokussiert sich der Beginn der Reise auf die kleinsten, oft übersehenen Bewohner unseres Ökosystems. Hier kommt die Arbeit mit Präparaten und der mikroskopische Detailgrad in den feinen Strukturen von Flügeln und Panzern besonders radikal zum Tragen. Mit der darauf folgenden Serie II – Säugetiere erweitert sich der Blick auf die komplexen Anatomien, Fellstrukturen und den individuellen Ausdruck der heimischen Säuger, was das Medium der digitalen Malerei auf einer völlig neuen, organischen Ebene herausfordert.

Ein zentrales visuelles Merkmal der gesamten Reihe ist die radikale Platzierung der Tiere auf einer rein weißen Hintergrundebene. Indem sie vollständig aus ihrem natürlichen Kontext herausgelöst werden, blendet Federspiel das Rauschen und die Ablenkung unserer Zivilisation komplett aus. Das Weiß ist hier keine Leere, sondern ein bewusster, geschützter Raum. Es ist eine Art zeitlose Arche aus Pixeln, die das Tier kompromisslos in den Mittelpunkt stellt und ihm seine absolute Würde zurückgibt.

Vor dem Hintergrund des Klimawandels und des globalen Artensterbens erhält dieses visuelle Archiv eine brennende Relevanz. Ohne zu verurteilen oder zu belehren, rückt Federspiels Kunst die Schutzbedürftigkeit und Zerbrechlichkeit unserer vertrauten Tierwelt in den Fokus. Er porträtiert Wesen wie das klassische rot-schwarze Marienkäferchen oder das heimische rotbraune Eichhörnchen, um an ihre sanfte, oft bedrohte Präsenz in unserem Alltag zu erinnern. So wird jedes Werk zu einem Akt tiefster Wertschätzung der eigenen Natur und zu einem bleibenden, behutsamen Zeitzeugen.

Durch diese hochpräzise digitale Malerei gelingt ein stilles, aber intensives Porträt jener Lebewesen, die unseren Lebensraum teilen. Animals Around Me fungiert als meditative Annäherung an Gegenwart und Wahrnehmung und setzt einen kraftvollen Gegenentwurf zum schnellen Produzieren und Konsumieren visueller Inhalte.


Wertschätzung im Atelier

Der Anthropologe Philippe Descola thematisiert in Jenseits von Natur und Kultur die westliche Trennung von Mensch und Natur als historisch gewachsenes, kulturell gefärbtes Konstrukt. Federspiels Werk positioniert sich bewusst dagegen: Seine Tierporträts fungieren nicht als romantisierte Naturbilder, sondern als gleichwertige Präsenz – frei von Folklore, Pathos oder sentimentaler Naturverklärung.

Der digitale Malprozess – oft 200 bis 400+ Stunden präzise Handarbeit – wird so zu einem Akt der Anerkennung. Er folgt der Idee der Resonanz (Hartmut Rosa): einer langsamen, beharrlichen Annäherung an das Andere, an das Lebendige. In einer Zeit, die von Umweltzerstörung und Klimakrise geprägt ist, werden Federspiels Bilder zu stillen Gegenräumen, in denen Betrachtung, Stille und Begegnung möglich werden.


Der kreative Prozess

Federspiel arbeitet nicht mit einer einzigen Fotoreferenz, sondern komponiert komplexe Fotocollagen aus eigenen Makroaufnahmen, Beobachtungen und ergänzenden Recherchen. Fehlende anatomische Details rekonstruiert er aus dem Gedächtnis oder nach Austausch mit Tierpräparatoren. So entsteht eine Synthese aus wissenschaftlicher Genauigkeit und künstlerischer Imagination.

Ein prägnantes Beispiel ist das Porträt eines Grünen Heupferds, das rund 200 Stunden beanspruchte. Die minutiöse Detailtiefe verweist auf eine Haltung, die das Tier nicht als Objekt, sondern als Subjekt begreift – und knüpft damit an Diskurse der Animal Studies und der posthumanistischen Ästhetik an.


Weitere Werkserien

QUBES (2018–2020)

Eine Serie digitaler Collagen, die auf alten Graffiti-Skizzen basiert. Abstrakte Elemente überlagern urbane Zeichen. Dadurch entsteht ein hybrider Stil, der zwischen Subkultur, digitaler Fragmentierung und futuristischer Konstruktion vermittelt.

BLACK LINES

Eine radikale Reduktion auf Schwarz und Weiß – ohne Graustufen, ohne Übergänge. Diese Arbeiten erkunden Kontrast, Bruch und Unversöhnlichkeit. Sie spiegeln gesellschaftliche Spannungsfelder und übersetzen die Komplexität der Gegenwart in eine kompromisslose visuelle Klarheit.

BETWEEN / DAZWISCHEN

Hier treffen fotorealistische Naturfotografien – meist aus der näheren Umgebung – auf typografische und graffitiartige Elemente. Die Serie öffnet ein Feld zwischen Natur und Kultur, Erinnerung und urbaner Gegenwart, und erzählt von den unscharfen Zonen dazwischen.


Technik & Haltung

Seit mehr als 15 Jahren arbeitet Federspiel digital mit einem Wacom Cintiq, einem druckempfindlichen Stift-Display, das präzise manuelle Eingriffe mit digitaler Flexibilität verbindet.