ABOUT

ZUR PERSON

José Federspiel, alias DaMos, ist ein lebendiger Strom aus Farbe, Beat und Pixel, der seit über dreißig Jahren rastlos unterwegs zwischen Spraydose und Bildschirm, zwischen Bergtal und Bassline, zwischen wildem Strich und chirurgischer Präzision. Er ist der Typ, der mit der gleichen Energie eine Wand in der Nacht zerfetzt, einen Hyperreal-Igel bis ins letzte Barthaar lebendig macht und nachts noch einen Track produziert, der einem die Schuhe auszieht.

1977 in Chur geboren, begann er 1993 Wände und Videobänder zu erobern. An der Hochschule für Gestaltung und Kunst Luzern (HGK/FH) studierte er Bildende Kunst und schloss mit Auszeichnung ab. Seine Diplomarbeit, der experimentelle Kurzfilm Würfelwelt (2002), wurde für den Internationalen Medienkunstpreis des ZKM Karlsruhe nominiert, prämiert und auf Arte, SRF und 3Sat ausgestrahlt – ein früher Beweis, dass seine hybride Bild- und Klangsprache bereits damals Grenzen sprengte.

Auch wenn er die aktive Graffiti-Szene um etwa 2003 verließ, floss die Energie der Straße weiter: in tausende Skizzen und Zeichnungen, die er mit dem ganzen Körper aufs Papier schleudert, bevor er sie ins Digitale jagt. Dort explodiert sie in einem digitalen Neo-Expressionismus aus kalligrafischen Stürmen, verschluckten Schriften und Gesichtern, die sich in Tags verwandeln. Alles vibriert, als wäre die Leinwand noch immer eine nächtliche Mauer – nur dass die Farbe besteht jetzt aus Licht.

Gleichzeitig taucht DaMos in die andere Richtung ab: In der Serie “Animals Around Me” erweckt er Igel, Hermelin, Insekten mit hyperrealer Schärfe zum Leben. Jede Borste, jeder Blick, jedes Zucken eines Ohrs ist so präsent, dass man den Atem der Tiere zu spüren meint – eine fast meditative Stille, die den urbanen Lärm seiner anderen Arbeiten auf wundersame Weise ergänzt.

2011 zeichnete ihn der Kanton Graubünden mit einem Förderpreis für Multimedia und Musik aus. Als einer der prägenden Köpfe der Bündner Hip-Hop-Szene (die 2022 ihr 30-Jahr-Jubiläum feierte) hat er die regionale Musikkultur über Jahrzehnte mitgestaltet – als Rapper, Produzent und Gestalter.

Heute umfasst sein Schaffen digitale Malerei, audiovisuelle Performances sowie Rap- und elektronische Musikproduktionen. Seit über zwanzig Jahren arbeitet er selbstständig als Grafikdesigner, Illustrator und freier Künstler.

José Federspiel lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern (geboren 2010 und 2015) im Taminatal. Dort, zwischen Bergflanken und Serverglühen, entsteht ein Werk, das die Straße nie verstummen lässt – es hat sich nur vertieft, verästelt und ist still genug geworden, um auch das Flüstern der Wildnis zu hören.


AAM – Animals Around Me (Serie I–II)

Mit der Serie Animals Around Me widmet José Federspiel die volle Aufmerksamkeit den Tieren seiner unmittelbaren Umgebung. In einer Ära, in der digitale Kunst oft mit flüchtigen Klicks verwechselt wird, beweist er echten kunsthistorischen Pioniergeist: Als Vorreiter der digitalen Malerei zeigt er, wie dieses moderne Medium mit maximaler handwerklicher und konzeptioneller Tiefe gefüllt werden kann.

Hinter der gesamten Arbeit steht eine einzige, kompromisslose Regel, die das Fundament des Projekts bildet: Das dargestellte Tier muss in seiner Heimat, in der unmittelbaren Umgebung, real gesichtet oder zumindest gehört worden sein. Diese persönliche Verbindung macht die Serie zu einer intimen Chronik des eigenen Lebensraums und hebt sie von einer rein theoretischen Auseinandersetzung ab.

Seine hyperrealistischen Werke sind das genaue Gegenteil von einem bloßen Abmalen einer Fotografie. Jedes Bild basiert auf einem komplexen, fast schon forschenden Prozess, bei dem unzählige Vorlagenfotos zu einer völlig neuen, präzisen Bildkomposition fusionieren. Für die mikroskopischen Details zieht Federspiel zudem reale Präparate heran. Dieses Schaffen verfolgt einen klaren wissenschaftlichen Ansatz, der sich systematisch in zwei aufeinander aufbauende Zyklen gliedert. In der Serie I – Insekten fokussiert sich der Beginn der Reise auf die kleinsten, oft übersehenen Bewohner unseres Ökosystems. Hier kommt die Arbeit mit Präparaten und der mikroskopische Detailgrad in den feinen Strukturen von Flügeln und Panzern besonders radikal zum Tragen. Mit der darauf folgenden Serie II – Säugetiere erweitert sich der Blick auf die komplexen Anatomien, Fellstrukturen und den individuellen Ausdruck der heimischen Säuger, was das Medium der digitalen Malerei auf einer völlig neuen, organischen Ebene herausfordert.

Ein zentrales visuelles Merkmal der gesamten Reihe ist die radikale Platzierung der Tiere auf einer rein weißen Hintergrundebene. Indem sie vollständig aus ihrem natürlichen Kontext herausgelöst werden, blendet Federspiel das Rauschen und die Ablenkung unserer Zivilisation komplett aus. Das Weiß ist hier keine Leere, sondern ein bewusster, geschützter Raum. Es ist eine Art zeitlose Arche aus Pixeln, die das Tier kompromisslos in den Mittelpunkt stellt und ihm seine absolute Würde zurückgibt.

Vor dem Hintergrund des globalen Artensterbens erhält dieses visuelle Archiv eine brennende Relevanz. Ohne zu verurteilen oder zu belehren, rückt Federspiels Kunst die Schutzbedürftigkeit und Zerbrechlichkeit unserer vertrauten Tierwelt in den Fokus. Er porträtiert Wesen wie das klassische rot-schwarze Marienkäferchen oder das heimische rotbraune Eichhörnchen, um an ihre sanfte, oft bedrohte Präsenz in unserem Alltag zu erinnern. So wird jedes Werk zu einem Akt tiefster Wertschätzung der eigenen Natur und zu einem bleibenden, behutsamen Zeitzeugen.

Durch diese hochpräzise digitale Malerei gelingt ein stilles, aber intensives Porträt jener Lebewesen, die unseren Lebensraum teilen. Animals Around Me fungiert als meditative Annäherung an Gegenwart und Wahrnehmung und setzt einen kraftvollen Gegenentwurf zum schnellen Produzieren und Konsumieren visueller Inhalte.


Wertschätzung im Atelier

Der Anthropologe Philippe Descola thematisiert in Jenseits von Natur und Kultur die westliche Trennung von Mensch und Natur als historisch gewachsenes, kulturell gefärbtes Konstrukt. Federspiels Werk positioniert sich bewusst dagegen: Seine Tierporträts fungieren nicht als romantisierte Naturbilder, sondern als gleichwertige Präsenz – frei von Folklore, Pathos oder sentimentaler Naturverklärung.

Der digitale Malprozess – oft 200 bis 300 Stunden präzise Handarbeit – wird so zu einem Akt der Anerkennung. Er folgt der Idee der Resonanz (Hartmut Rosa): einer langsamen, beharrlichen Annäherung an das Andere, an das Lebendige. In einer Zeit, die von Umweltzerstörung und Klimakrise geprägt ist, werden Federspiels Bilder zu stillen Gegenräumen, in denen Betrachtung, Stille und Begegnung möglich werden.


Der kreative Prozess

Federspiel arbeitet nicht mit einer einzigen Fotoreferenz, sondern komponiert komplexe Fotocollagen aus eigenen Makroaufnahmen, Beobachtungen und ergänzenden Recherchen. Fehlende anatomische Details rekonstruiert er aus dem Gedächtnis oder nach Austausch mit Tierpräparatoren. So entsteht eine Synthese aus wissenschaftlicher Genauigkeit und künstlerischer Imagination.

Ein prägnantes Beispiel ist das Porträt eines Grünen Heupferds, das rund 200 Stunden beanspruchte. Die minutiöse Detailtiefe verweist auf eine Haltung, die das Tier nicht als Objekt, sondern als Subjekt begreift – und knüpft damit an Diskurse der Animal Studies und der posthumanistischen Ästhetik an.


Weitere Werkserien

QUBES (2018–2020)

Eine Serie digitaler Collagen, die auf alten Graffiti-Skizzen basiert. Abstrakte Elemente überlagern urbane Zeichen. Dadurch entsteht ein hybrider Stil, der zwischen Subkultur, digitaler Fragmentierung und futuristischer Konstruktion vermittelt.

BLACK LINES

Eine radikale Reduktion auf Schwarz und Weiß – ohne Graustufen, ohne Übergänge. Diese Arbeiten erkunden Kontrast, Bruch und Unversöhnlichkeit. Sie spiegeln gesellschaftliche Spannungsfelder und übersetzen die Komplexität der Gegenwart in eine kompromisslose visuelle Klarheit.

BETWEEN / DAZWISCHEN

Hier treffen fotorealistische Naturfotografien – meist aus der näheren Umgebung – auf typografische und graffitiartige Elemente. Die Serie öffnet ein Feld zwischen Natur und Kultur, Erinnerung und urbaner Gegenwart, und erzählt von den unscharfen Zonen dazwischen.


Technik & Haltung

Seit mehr als 15 Jahren arbeitet Federspiel digital mit einem Wacom Cintiq, einem druckempfindlichen Stift-Display, das präzise manuelle Eingriffe mit digitaler Flexibilität verbindet.